Samstag, 14. August 2010

Über Wasser


Der Anflug auf Phnom Penh in der späten Regenzeit war wie die Ankunft auf einem Wasserplaneten. Es schien überhaupt kein Land zu geben. Nur Wasser. Hier und da durchschnitt ein Straßendamm die Oberfläche. Ansonsten gab es nur eine silbrige, schimmernde Weite.

Ein großer Teil kambodschanischen Lebens findet am oder auf dem Wasser statt. Viele Menschen leben auf Hausbooten, zusammengefasst in schwimmenden Dörfern mit Läden, Postämtern, Tempeln und Kirchen. Die Kinder nehmen das Boot zur schwimmenden Schule. Männer trinken Bier in der schwimmenden Bar. Sogar Tiere, meist Schweine und Hühner, werden in schwimmenden Ställen gehalten.

Bei Kampong Chhnang ist solch ein schwimmendes Dorf. Wie viele Fischer sind die Bewohner Vietnamesen, die in unbehaglicher Nähe zu den kambodschanischen Nachbarn, die sie meist nicht mögen und ihnen misstrauen, leben. Am Seeufer war ich sofort umringt: ”Madame! Madame!" - "Kommen Sie mit mir, Madame! Drei Dollar!" - "Madame, zwei Dollar!" - Die Frau, die mich zuerst erreicht hatte, hielt meinen rechten Arm fest umklammert. Eine andere griff nach meinem linken, wurde jedoch von einem fiesen, pickligen Burschen weggestoßen: "Sie kommen mit mir!" - Zwei weitere Mädchen begannen, an meinem Hemd zu zerren, aber Frau Nr. 1 scheuchte sie weg. Pickelgesicht und Frau Nr. 2 standen kurz vor einer Prügelei. - Frau Nr. 1 führte nun ihre Beute ($ 2) zu den Booten. Sie hielt meinen Arm in einem schraubstockartigen Griff fest, um meine etwaige Flucht in letzter Sekunde zu verhindern. Pickelgesicht schrie mit finsterer Miene offensichtliche Obszönitäten hinter uns her.

An diesem Punkt kann ich es ja zugeben: ich habe eine völlig unbegründete Angst davor, in kleinen, wackeligen Booten zu sitzen. (Aber auf meinen Reisen finde ich mich immer wieder, in Panik versteinert, in kleinen, wackeligen Booten wieder.) Meine siegreiche Bootsfrau stakte ihr winziges Boot, zusammen mit seinem schreckerstarrten Passagier, vorbei an den Häusern von Leuten, die ihren alltäglichen Geschäften nachgingen. Ich konnte quasi in ihre Wohnzimmer sehen und sie anglotzen, während sie kochten, saubermachten, Netze reparierten, ihre Hausaufgaben machten, fernsahen. Kinder winkten mir zu. Es gab auch ein paar Schweine in einem schwimmenden Schweinestall.

Als ich endlich aus dem Boot steigen konnte, war mir meine Erleichterung viel mehr als die zwei Dollar wert, die es gekostet hatte, von vornherein einzusteigen. Zurück in meinem Hotel sah ich dann, dass man mir nicht nur den einen Hemdsärmel halb herausgerissen hatte, sondern auch meine Arme und Schultern voller blauer Flecken waren.

Anmerkung:
Der Tonle Sap ist eines der großen Naturwunder. Jedes Jahr, während des Monsoon, und angeschwellt von den Wassern des Mekong, wandelt er sich von einem seichten, brackigen Gewässer zu Südostasiens größtem Süßwasser See-und Fluss-System, die Strömungsrichtung wechselnd und Kambodscha einen Überfluss an Fisch bescherend. Zumindest ist es bisher immer so gewesen. Wie ich allerdings gehört habe, wird der Fang der Fischer immer geringer.

Donnerstag, 1. Juli 2010

Gewinner


Auch wenn einen Fußball normalerweise kalt lässt, so fällt es doch schwer, sich der Begeisterung während der Weltmeisterschaft zu entziehen. Wozu auch? Diese elenden Vuvuzelas sind dieses Jahr zwar ein absolutes Ärgernis, allerdings hätte ich letzten Samstag, als Deutschland die Engländer schlug, gerne eine gehabt.

Und nun fiebert Deutschland dem Spiel mit Argentinien entgegen. Natürlich sagen alle, Deutschland würde verlieren: Argentinien, mal ehrlich! Gegen die gewinnen sie nie! Aber 2006 haben wir gegen Argentinien gewonnen. Ich verfolgte das Spiel in meiner Stammkneipe, und es war nervenaufreibend. Elfmeter-Schießen. Das hat mich damals eine ganze Menge grauer Haare gekostet. Aber wir haben gewonnen. Und die Stadt versank in einen Rausch aus Jubel, Fahnen und Autohupen. Jetzt, da Deutschland den Autokorso quasi zur eigenen Tradition erklärt hat, feiern wir ja wie die Südamerikaner.

Auf der Straße fand ich mich neben einer großen südasiatischen Familie wieder, die Frauen trugen farbenprächtige Shalwar Kameez, und alle, vor allem die Kinder, schwenkten enthusiastisch kleine Deutschlandfahnen.

“Ist es nicht wunderbar,” sagte eine der Frauen,"wir kommen aus Pakistan, aber gestern haben wir die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, und heute gewinnt unsere Mannschaft!”

Da kamen zwei junge Männer auf uns zu gelaufen, ‘Deutschland’ T-Shirts, rasierte Köpfe, Armeehosen. Und ich dachte: “Oh nein, lass’ die nicht diesen Moment versauen!”

“Hey, wir können die kleinen Mädchen auf unseren Schultern sitzen lassen, dann können sie besser sehen!” Und so geschah es auch.

Ein toller Tag war das!

Ach, und Paul, der hellseherische Krake, hat für diesen Samstag einen Sieg für Deutschland vorhergesagt. Vielleicht sollte ich mir doch eine Vuvuzela zulegen…

Sonntag, 20. Juni 2010

Kambodschanische Kultur, auf Chinesisch

Nach einigen Tagen in Angkor kommt wohl für jeden der Zeitpunkt, wo man keine einzige Tempelruine mehr sehen will. Aber es gibt es auch andere kulturelle Attraktionen in Siem Reap. Zum Beispiel das Cambodian Cultural Village. Hier kann man viel über Kultur lernen, allerdings am wenigsten über die kambodschanische.

Regionaltypische Häuser, Disneysauber, sind jeweils um eine Bühne herum gruppiert, wo dann zweimal täglich junge Frauen in tradtitionellen, bonbonfarbenen Lycrakostümen traditionelleVolkstänze aufführen, zu traditioneller Musik, die allerdings verdächtig nach Schuberts Forellen Quintet klingt, gespielt auf chinesischen Instrumenten.

Es gibt auch einen bildungserzieherischen Teil, ein kleines Museum. Die Beschilderung sagt schon alles, und das soll sie ja auch: Chinesisch an erster Stelle, an zweiter Kambodschanisch. Englisch nur mal hier und da, notgedrungen, denn die gibt es ja auch noch, diese lästigen Englischsprechenden.

Und schließlich, immer mein Favorit, Episoden aus der Landesgeschichte mit Wachsfiguren. Hier kommt sogar ein Europäer vor: eine rührende Szene, in der ein riesiger, Frankenstein-ähnlicher weißer UN-Soldat engumschlungen mit einer knuffigen, stark geschminkten Kambodschanerin tanzt. Das hat soviel Platz beansprucht, dass man die (chinesisch unterstützten) Roten Khmer leider ganz weglassen musste.

Eine Szene fand ich jedoch besonders faszinierend: ein alter Herr, in einer weißen, ordensgeschmückten Uniform sitzt an einem riesigen Schreibtisch, dabei, ein wichtiges Dokument zu unterzeichnen. Ihm zu Füßen hingestreckt liegt ein offenbar ermordeter Lakai. Wer ist das? Warum hat er den Diener umgebracht? Und wie? Womöglich mit dem prächtigen, vergoldeten Brieföffner? Da begann der vermeintlich Gemeuchelte leise zu schnarchen. Es war einer der Aufseher, der sein Mittagsschläfchen hielt.

Sonntag, 13. Juni 2010

Kambodscha, 1998: “Bitte, vergessen Sie uns nicht!”

Phnom Penh, März 1998. Die Stadt wartete, man spürte die Unruhe. Eine Wahl stand an and die Leute waren besorgt, es könnte Unruhen geben, wie bei Wahlen in früheren Jahren. Große Teile des Landes waren noch unter der Herrschaft der Roten Khmer. Die Eisenbahn war für Ausländer verboten, Überlandfahrten mit dem Bus war für die meisten Strecken ‘nicht empfehlenswert’.

Ich saß auf dem Balkon des Foreign Correspondents Club, damals wie heute ein Nobelschuppen für Touristen die den besonderen kolonialen Kick suchten. Der Sonnenuntergang über dem Fluss war herrlich. Die Bar war voller überaufgeregter Ausländer, die auf supercool machten. Was taten die hier? Vor allem, was tat ich hier?

Vor drei-und-zwanzig Jahren war die Bevölkerung aus dieser einst so schönen und lebendigen Stadt geräumt worden, die Bewohner aufs Land getrieben, zu Tode gearbeitet, um die perfekte egalitäre Utopie zu errichten. Eine wahnsinnige Idee, nur zum Halten gebracht durch die Invasion der verhassten vietnamesischen Nachbarn. Der Rest der Welt hatte nichts davon wissen wollen. Jahrzehnte des Krieges folgten, der nun gerade langsam zu Ende ging.

Unten konnte ich einen offenen Militärlastwagen sehen, geparkt an der Uferpromenade. Auf der Ladefläche lümmelte sich ein Soldat, ein Maschinengewehr auf die Straße gerichtet. Plötzlich spürte ich intensiven Abscheu. Ich wollte diese misshandelte Stadt verlassen, dieses verwundete Land, diese Menschen verfolgt von unaussprechlichem Schrecken. Einfach abfahren und nie wiederkehren.

Aber ich fuhr nicht ab. Ich fuhr nach Angkor Wat. Eine Woche später, wieder in Phnom Penh, wurde ich ausgeraubt, eine Pistole am Kopf. Irgendwie war ich gar nicht überrascht. Erschrocken, ja, aber nicht überrascht. Ausländer wurden gezielt angegriffen. Viele Firmen und Botschaften evakuierten ihr Personal, bis nach den Wahlen. Als es schließlich für mich Zeit war, zu fahren, fragte mich die Hotelmanagerin, wann ich zurückkehren würde. Um einen schwachen Scherz zu machen, sagte ich, was damals alle sagten: “Nach den Wahlen!”. Ihre Antwort war kein Scherz, und ihre Augen waren voller Angst. “Bitte kommen Sie wieder! Vergessen Sie uns nicht! Vergessen Sie Kambodscha nicht!”

Natürlich kam ich wieder. Wie hätte ich das nicht können?

Montag, 7. Juni 2010

Der letzte Zug von Kambodscha


Der Zug im Bahnhof von Battambang war in einem traurigen Zustand: der Boden war voller Löcher und wurde offenbar nur von Rost und Dreck zusammen gehalten, bei den wenigen Lattensitzen fehlten so einige Latten, und die Fenster hatten kein Glas. Letzteres war wahrscheinlich zum Besten, denn der Geruch im Waggon war übel, sehr übel. Wirklich sehr, sehr übel. Als der Zug dann um 7.25 abfuhr, war er überraschenderweise nur 45 Minuten zu spät.

Es gab erstaunlich viele Passagiere. Einige Männer, die sogleich ein lebhaftes Kartenspiel in Gang brachten, ein paar junge Frauen, schick-gemacht für die Stadt, ein älterer Herr im sorgfältig gebügeltem hellen Anzug, offenbar ein Optimist, vorsichtig seine Brieftasche auf den Knien haltend, und ein paar Marktfrauen mit Säcken und noch mehr Säcken voller Reis, Ananas und anderem Obst und Gemüse. Diese Säcke wurden überall verstaut, auch in dem grässlichen kleinen Kabinett mit dem Loch im Boden. Na ja, ich hatte keinen Luxus in dieser Hinsicht erwartet und wurde daher auch nicht enttäuscht.

Natürlich gab es auch keinen Speisewagen. Aber gegen 11.30 erreichten wir Moung Roussey, den kulinarischen Höhepunkt der Königlich Kambodschanischen Eisenbahn. Verkäufer boten geräucherten und gebratenen Fisch an, gekochten Reis, frisches Obst, ausgebackene Küchlein, Spießchen mit gegrilltem Was-auch-immer…Sofort hob sich die Gesamtstimmung erheblich. Alle fingen an zuschwatzen und Witze zu machen, Essen wurde herum gereicht und unsere gerade noch etwas mürrische, kleine Gruppe verwandelte sich in eine richtige Gemeinschaft. Die Männer legten mit noch mehr Eifer und Geschrei beim Kartenspiel los. Weil die Temperaturen inzwischen an eine Sauna erinnerten, legten sie auch ihre Hemden ab. Dies konnten wir Damen natürlich nicht, und so mussten wir der viktorianischen Regel folgen, nach der eine wahre Dame niemals schwitzt.

Jemand hatte einen riesigen Korb voller lebender Enten aufgeladen und deren Geschnatter trug zur ohnehin lauten Geräuschkulisse bei. Außerdem brachten sie noch eine zusätzliche Duftnote in das bereits recht scharfe Aroma. Und so ratterte und klapperte und rüttelte (und schnatterte) der Zug durch die üppig-grüne kambodschanische Landschaft. Ich war wirklich traurig, nach fast zehn Stunden in Pursat auszusteigen. Na ja, fast…

Traurigerweise stellte der letzte Personenzug in Kambodscha, der wöchentliche “Express” zwischen Phnom Penh und Battambang im Jahre 2008 seinen Dienst ein.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Venedig liebt mich



Perfekte Momente auf Reisen sind nicht so häufig wie man möchte. Aber es gibt sie.

Als ich das erste Mal nach Venedig kam, verliebte ich mich auf den ersten Blick. Und Venedig liebte mich zurück.

Ich war mit dem Nachtzug nach Italien gefahren. Schlafwagenfahren ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Im Venedig Express gab es weder einen Speisewagen noch Kaffee, nicht einmal eine Heizung. Völlig durchgefroren kam ich an, verzog mich ins Bahnhofscafé und trank einen Kaffee nach dem anderen, auch um den Augenblick der fast sicheren Enttäuschung hinaus zu zögern.

Der Bahnhof liegt direkt am Canal Grande. Es war später Morgen, leicht neblig. Die Gebäude gegenüber waren gerade so zu sehen. Es herrschte reges Treiben. Ein Boot beladen mit Gemüse tuckerte vorbei, ein anderes voller Schrott. Und Wassertaxis. Und noch mehr kleine Boote. Vom anderen Ufer kam langsam ein traghetto quer über den Kanal. Darin stand eine elegante Frau in einem Pelzmantel, die dann sehr elegant ausstieg und Richtung Bahnhof entschwand.

Ich stand nur da und weinte, so schön war das alles.